Brauner Eichen-Zipfelfalter

Brauner Eichen-Zipfelfalter

Satyrium ilicis

Allgemein Bilder (11) Autoren und Quellen

Beschreibung

Der Braune Eichen-Zipfelfalter gehört zur Schmetterlingsfamilie der Bläulinge (Lycaenidae). Er ist ein Paradebeispiel für die hochgradig gefährdeten Lichtwaldarten. Im Larvalstadium ist er auf vollbesonnte Jungeichen oder Eichen-Stockausschläge angewiesen. Aktuell kommt er in Baden-Württemberg nur noch in vier Gebieten vor (Ebert et al. 1991; Hermann et al. 2019).

Vorkommen in Baden-Württemberg

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand – der als sehr gut eingeschätzt wird – beschränkt sich das landesweite Restvorkommen der historisch in allen wärmeren Naturräumen verbreiteten Art inzwischen auf vier deutlich voneinander getrennte Gebiete, zwischen denen heutzutage aufgrund der großen Entfernung kein Gen- und Individuenaustausch mehr möglich ist:

1. Südlicher Oberrhein
Hier existiert ein Reliktvorkommen des Braunen Eichen-Zipfelfalters in der sogenannten „Trockenaue“ bei Neuenburg-Grißheim. Die dortige Metapopulation besteht aus mehreren Lokalpopulationen auf nieder- und mittelwaldartig gepflegten Lichtungen. Die in neuerer Zeit registrierten Falterzahlen sind durchweg sehr gering (Einzelfalter oder kein Falternachweis). Das im Rahmen des landesweiten Artenschutzprogramms (ASP) laufende Monitoring konzentriert sich deshalb auf die winterliche Erfassung des besser nachweisbaren Ei-Stadiums. Auf diese Weise konnte das Vorkommen der Art in den letzten 15 Jahren noch auf bis zu 10 verschiedenen Lichtungen beidseitig der BAB 5 bestätigt werden (Karbiener, mdl., eig. Daten). Ob ein Austausch der Population mit den linksrheinischen französischen Populationen besteht (elsässische Niederwälder) ist fraglich, jedoch nicht ausgeschlossen. Die Art konnte hier in 2021 nicht mehr nachgewiesen werden und gilt aktuell als verschollen (Hafner, schriftl.).

2. Schönbuch
Das aktuelle Restvorkommen in diesem Naturraum beschränkt sich auf den Ostteil des zentralen Waldkomplexes zwischen Tübingen und Holzgerlingen. Hier wurde die lange Zeit erloschen geglaubte Art im Jahr 2004 innerhalb eines großen Rotwildgeheges wiederentdeckt, in dem – wohl mitbegünstigt durch den starken Verbissdruck und dadurch verzögerten Dichtschluss von Waldlücken – ein Restbestand bis zu den großen Orkanen der 1990er-Jahre überleben konnte. Zwischen 2004 und 2010 wurde S. ilicis auf bis zu 40 verschiedenen Sturmwurflichtungen der Orkane „Wiebke“ (1990) und „Lothar“ (1999) nachgewiesen (ASP Schmetterlinge und Daten Hermann, unveröff.). Die Mehrzahl dieser Vorkommen ist zwischenzeitlich erloschen (Sukzession). Aktuelle Nachweise liegen noch für rund zehn verschiedene Flächen vor (Stand 2015, eig. Daten Hermann, unveröff.). Bislang war der Fortbestand dieser Populationsgruppe Zufällen überlassen (Sturmwurfereignisse, Borkenkäferkalamitäten). Die nach Prinzipien der naturnahen Forstwirtschaft praktizierte Hochwaldnutzung erzeugt bei Ausbleiben solcher Zufallsereignisse in der Regel keine Habitate der Art. Maßnahmen zur gezielten Bestandsstützung der Art (Kleinkahlschläge mit truppweiser Eichenverjüngung) wurden 2015 auf Initiative der FVA mit der Forstverwaltung abgestimmt (s. u.). Sie wurden im Winter 2015/2016 umgesetzt und sollen durch ein Monitoring begleitet werden.

3. Östliche Schwäbische Alb
Auch im Raum Heidenheim wurde Satyrium ilicis auf Sturmwurfflächen des Orkans „Lothar“ wiederentdeckt, nachdem die Art zuvor als verschollen galt. Wagner (unveröff.) fand ab 2007 rund ein Dutzend neuer Vorkommen auf Sturmwurflichtungen mit Eichen-Verjüngung (www.pyrgus.de). Weil gegenwärtig auch dort keine Waldnutzungen betrieben werden, die regelmäßig neue Habitate generieren, ist die Metapopulation der Ostalb rückläufig und ebenfalls hochgradig bedroht.

4. Klettgau am Hochrhein
Auf dem Jestetter Zipfel, umgeben vom Rhein und damit der Schweizer Grenze, wurde die Art 2016 durch einen Schweizer Falterexperten entdeckt. Im dortigen Schonwald wurden vom zuständigen Revierleiter auf mehreren Hektar Fläche umgehend Maßnahmen für die Förderung des Braunen Eichenzipfelfalters ergriffen.

(Hermann unveröff.).

Schutzverantwortung
Im europäischen Maßstab besteht keine besondere Verantwortlichkeit Baden-Württembergs, weil Satyrium ilicis in größeren Teilen Südeuropas stabile und derzeit ungefährdete Bestände aufweist. Für den bundesweiten Erhalt sahen Ebert et al. (2005) noch keine Verantwortlichkeit Baden-Württembergs. In Anbetracht der bundesweit stark negativen Bestandsentwicklung während der letzten 10 Jahre dürfte eine Verantwortlichkeit Baden-Württembergs jedoch zwischenzeitlich gegeben sein. Größere, derzeit noch nicht akut bedrohte Bestände finden sich in Deutschland nur noch im Lahn-Dill-Bergland (aktiver Niederwald auf mehreren 100 ha Fläche) und im südlichen Steigerwald (aktiver Mittelwald auf mehreren 100 ha Fläche) (Hermann unveröff.).

Lebensraum

Kurzbeschreibung: Gut besonnte Freiflächen im Wald ab 0,5 ha mit dauerhaftem Vorkommen von frisch ausschlagender/junger heimischer Eiche, ohne Verbissschutz durch Tubex-Wuchshüllen und einer geringen Überschirmung zwischen 0-20% (Hermann et al. 2019).

Ausführliche Beschreibung: In Baden-Württemberg zeigt der Braune Eichen-Zipfelfalter eine fast exklusive Waldbindung. Vorkommen aus waldfernen Lebensräumen sind mit einer Ausnahme nicht dokumentiert. Letztere ist (bzw. war) eine trockene Magerrasenkuppe im Landkreis Heidenheim, auf der ein Jungeichenbestand im Zuge einer Pflegemaßnahme niederwaldartig auf den Stock gesetzt wurde. In der Folgezeit wurde S. ilicis dort – nach Besiedlung aus Wäldern der näheren Umgebung – einige Jahre lang an Eichen-Stockausschlägen nachgewiesen (Eifunde, Hermann, unveröff.).

Fast alle Habitate des Braunen Eichen-Zipfelfalters entsprechen dem Typus „Waldlichtung“. In der Regel handelt es sich um Sukzessionsflächen mit gut besonnter Bodenvegetation (Stauden, Gräser), die nach allen oder mehreren Seiten von Waldkulissen umrahmt werden.Ein ausschlaggebender, Vorkommen und Populationsgröße stark limitierender Faktor ist das Larvalhabitat. Dieses umfasst individuenreiche Bestände junger, maximal 2-3 m hoher Exemplare der heimischen Eichen mit gut besonnten, bodennahen Zweigen (Abb. 5), wobei Quercus robur und Q. petraea gleichermaßen als Wirtsgehölze genutzt werden. Eine Nutzung nicht-heimischer Eichenarten, wie die der nordamerikanischen Rot-Eiche (Quercus rubra), blieb bislang trotz gezielter Nachsuche in bekannten Habitaten unbestätigt. Pflanzen-soziologisch sind viele Habitate des Braunen Eichen-Zipfelfalters den Schlagfluren zuzuordnen, in späteren Sukzessionsstadien auch eichenreichen Waldgesellschaften oder Forsten (Hermann unveröff.).

Unter heutigen Trophie- und Nutzungsbedingungen dominieren im Habitatspektrum forstlich begründete Eichenkulturen, aber auch Naturverjüngung der heimischen Eichen wird wo im Waldverband vorhanden regelmäßig zur Eiablage und Reproduktion (mit)genutzt. Sukzessionsflächen außerhalb von Wäldern werden in Baden-Württemberg auch bei reichlichem Vorkommen junger Eichen allenfalls ausnahmsweise besiedelt. Das standörtliche Spektrum der Habitate reicht von wechselnass (Schönbuch) bis extrem trocken (Trockenaue am südlichen Oberrhein). Der Schwerpunkt liegt jedoch auf „mittleren“, d. h. mäßig feuchten bis mäßig trockenen Standorten. Der Großteil der baden-württembergischen Habitate des Braunen Eichen-Zipfelfalters findet sich auf m. o. w. ebenen Standorten. Stärker hanggeneigte Flächen mit gleichzeitiger Habitateignung sind im Erreichbarkeitsradius der verbliebenen Populationen allerdings kaum verfügbar, insoweit ist Hangneigung kein Ausschlusskriterium. Die Struktur der Optimalhabitate ist als windgeschützt, offen bis halboffen bzw. verbuschend zu charakterisieren. Einzelhabitate (Lichtungen) können im räumlichen Verbund ausnahmsweise kleiner als 0,5 ha sein, umfassen in den meisten Fällen jedoch Flächen von mehreren Hektaren. Die für längerfristig lebensfähige (Meta-) Populationen erforderliche Mindestfläche beträgt jedoch ein Vielfaches der Größe eines Einzelhabitats lokaler Vorkommen. Legt man die aktuelle Situation der Art in Baden-Württemberg zugrunde, scheint für das längerfristige Überleben eine Waldmatrix von mehreren Hundert (Tausend?) Hektar mit einem kontinuierlichen Angebot < 10jähriger Lichtungen mit Eichenverjüngung obligatorisch zu sein. Das Aussterberisiko nimmt mit Anzahl und Flächengröße geeigneter Larvalhabitate ab, mit ihrer zunehmenden Isolation und sukzessionsbedingter Verkleinerung jedoch stark zu. Ein längerfristiges Überleben der Art in weiträumig isolierten Habitaten ist offensichtlich ausgeschlossen. Die Einzelhabitate dürfen nicht weiter als 1 - (max.) 3 km voneinander entfernt liegen, um einen regelmäßigen Individuenaustausch bzw. Spontanbesiedlung neuer Habitate zu ermöglichen. Auf neu entstandenen Sukzessionsflächen, wie Sturm- und Käferlöchern, Kahlschlägen oder (ausnahmsweise) Folgeflächen von Materialabbau beginnt die Phase der Habitateignung unmittelbar mit initial aufkommender Eichen-Naturverjüngung, Eichen-Pflanzung oder neuem Stockaustrieb (Niederwald). Sie endet meist schon vor dem Erreichen des Stangenholzalters, spätestens jedoch mit dem Dichtschluss der Baumschicht und Verschattung der bodennahen Vegetation. Je nach Standortverhältnissen umfasst die Habitateignungsphase eines neu begründeten Eichenbestandes Zeiträume von 5 – (max.) 20 Jahren. Im Schönbuch zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der Flächengröße von Sturmwurflichtungen und der Dauer ihrer Eignungsphase: Alle kleinflächigen Sturmwürfe des Orkans „Lothar“ (< 1 ha) büßten ihre Eignung spätestens nach 10 Jahren wieder ein, während nur große Sturmwürfe (ab ca. 2 ha) aufgrund deutlich verlangsamter Sukzession (Kaltluftbildung, Spätfröste) auch aktuell noch besetzt sind (d. h. im derzeit 16. Jahr) (Hermann unveröff.).

Lebensweise

S. ilicis überwintert im Ei-Stadium. Hauptüberwinterungsort ist der bodennahe Stammbereich junger, buschförmiger bis über mannshoher Stiel- und Traubeneichen (z. B. Koschuh & Fauster 2005). Deutlich seltener finden sich die Eier in Zweig- oder Astgabeln, ausnahmsweise an trockenen Gräsern unmittelbar neben den Wirtsgehölzen (Hermann 2007). Die L1-Raupe schlüpft im Frühling mit dem Aufbrechen der Blattknospen. In Normaljahren liegt der Schlupfzeitpunkt in der letzten Aprildekade. Sie ernährt sich bis zur Verpuppung von jungen Eichenblättern, an denen sie ab den späteren Stadien ein charakteristisches Fraßbild erzeugt. Hierbei wird die Blattmittelrippe angenagt, sodass der vordere Blattteil, an dem der anschließende Fraß erfolgt, zu welken beginnt (Bink zit. in Weidemann 1995; Hermann unveröff.). Die Raupe bewirkt durch dieses Verhalten Veränderungen des Wasser-, Gerb- und Nährstoffgehalts ihrer Nahrung, die das Blatt für sie befressbar machen (Weidemann 1995). Bereits die jüngeren Raupenstadien werden regelmäßig von Ameisen begleitet (siehe Foto), von diesen mit den Fühlern „betrillert“ und „gemolken“ (Aufnahme eines zuckerhaltigen, von der Raupe abgegebenen Sekrets) (Hermann unveröff.).

Die Puppe ist mit einem Gürtelfaden in der Streuschicht festgesponnen. Sie entlässt den Falter im Frühsommer nach rund zweiwöchiger Ruhezeit. Die Imagines sind Blütenbesucher. Die Wahl der zur Nektaraufnahme genutzten Pflanzen und Blühfazies wird stark vom jeweiligen Angebot bestimmt, d. h. Vorkommen und Häufigkeit der Art sind durch die Nahrungsansprüche der Falter kaum limitiert. Eine häufig frequentierte Nektarressource bilden blühende Brombeergestrüppe. Daneben werden weiß- und (seltener) violett blühende Korbblütler, Liguster- und Zwergholundergebüsche zur Nahrungsaufnahme genutzt (Daten, Hermann unveröff.). Ebert et al. (1991) erwähnen als Falternahrungspflanzen Feldthymian, Gewöhnliche Schafgarbe und Arznei-Baldrian. Möglicherweise spielen – wie bei anderen Zipfelfalterarten – auch Honigtau-Abscheidungen auf Blättern von Büschen und Bäumen eine gewisse Rolle als Falternahrung. Die Nektarplätze dienen auch der Geschlechterfindung („perching species“, Scott 1974).

Nach erfolgter Kopula suchen die Weibchen zur Eiablage geeignete Eichen auf. Während des Suchfluges landen sie auf Blättern von Gebüschen und jungen Bäumen, prüfen diese sodann mit den Fühlern tastend auf ihre Artzugehörigkeit. Bei erkannter Eignung bewegen sie sich abwärts kletternd in Richtung Stamm (Köstler 2005). Die meisten Eiablagen finden am Stamm junger Eichenexemplare wenige cm über dem Boden statt. Jungeichen, deren Stämme mit Plastikröhren gegen Verbiss und „Fegen“ vor dem Wild geschützt werden, scheiden als Eiablagemedium vollständig oder weitestgehend aus (Hermann & Steiner 2000). Der Braune Eichen-Zipfelfalter verfügt über eine mäßig bis gut ausgeprägte Pionierfähigkeit. Begattete Weibchen überfliegen auf der Suche nach Eiablageplätzen regelmäßig dicht geschlossenen Hochwald, wie aus Spontanbesiedlungen neuer, rundum von Hochwald umgebener Kahlschläge und Sturmwurflichtungen geschlossen werden kann. Distanzen von 1 km werden von den Faltern in der Regel kurzfristig überwunden, größere Wanderflüge bis zu 5 km dürften dagegen nur ausnahmsweise bzw. bei hohem „Populationsdruck“ vitaler Spenderpopulationen vorkommen. Neubesiedlung oder Individuenaustausch über größere Entfernungen sind nicht dokumentiert, nach Befunden an anderen Bläulingsarten aber bis ca. 8 km nicht auszuschließen. In Optimalhabitaten bringt S. ilicis individuenstarke Lokalpopulationen mit in Gunstjahren Hunderten bis Tausenden von Imagines hervor. Aus den verbliebenen baden-württembergischen Vorkommensgebieten wurden in den letzten Jahren dagegen fast nur sehr geringe Falterzahlen gemeldet. In der Regel handelt es sich um Einzelfunde. In Pessimalhabitaten gelingt der Artnachweis oft erst durch gezielte Ei-Suche, der Standardmethode zur qualitativen und quantitativen Erfassung der Art (Hermann 2007).

Empfohlene Schutz- und Fördermaßnahmen

Ziel ist das Herstellen von langfristig überlebensfähigen Populationen, was bedeutet, dass voneinander abgetrennte Populationsgruppen 5000 Individuen beherbergen sollten. Da die Art in sehr geringen Dichten auftritt, benötigt eine Populationsgruppe Experten zufolge eine Fläche rund 200 ha (Hermann et al. 2019).

Konkret notwenige Maßnahmen sind: Die Neuentwicklung von Habitaten innerhalb der Vorkommensareale der Art. Die Ostalbvorkommen können über Trittsteine zu einer Metapopulation verschmolzen werden. Die Verschmelzung von Vorkommen und die Neuentwicklung von Habitaten geschehen am besten durch Schaffung von Freiflächen mit anschließender Verjüngung heimischer Eiche ohne Tubex-Wuchshüllen. Alternativ wird der Verbissschutz durch Zäunung der Eichenkulturen ermöglicht. Habitatflächen können im Nutzungssystem "wandern", d. h. es ist keine dauerhafte Offenhaltung auf Einzelflächen nötig. Einzelhabitate sollten eine Größe von mindestens 0,5 ha aufweisen. Die Anlage von neuen Habitaten und Trittsteinen sollte, auf Grund der Flugdistanz der Tiere, nicht mehr als 1-5 km von einer bestehenden Population entfernt sein. Sollen Einzelhabitate dauerhaft erhalten bleiben, ist natürlich auch eine Erhaltungspflege bereits bestehender Habitate nötig. Diese sollte etwa alle 5 bis 10 Jahre durchgeführt werden (Hermann et al. 2019).

Ausführliche Beschreibung der erforderlichen Schutzmaßnahmen (Hermann unveröff.).: Räumlich und zeitlich gesehen „stabile“ Vorkommen finden sich in Mitteleuropa nur noch in Relikten der (aktiven) Nieder- und Mittelwaldwirtschaft (Lahn-Dill-Bergland, Steigerwald) oder diese simulierender Pflegeszenarien (Trockenaue südlicher Oberrhein). Unter günstigen Umständen können auch Wälder querende Leitungstrassen mit niederwaldartiger Unternutzung für längere Zeit Vorkommen des Braunen Eichen-Zipfelfalters beherbergen.

Ein weiteres mögliches Schutzszenario, das an Bedeutung allerdings stark eingebüßt hat, sind neuzeitlichere Nutzungssysteme, in denen Waldlücken kontinuierlich durch Sturmwurf, Käferkalamitäten oder größere Kahlhiebe entstehen und nachfolgend mit heimischer Eiche verjüngt werden. In derartigen, für Vorkommen des Falters stets „labilen“ Habitatsystemen ist es zufallsabhängig, ob sukzessionsbedingt schwindende Habitate rechtzeitig durch neue ersetzt werden oder ob – andernfalls – die Vorkommen der Art großräumig verschwinden, wie in vielen Naturräumen des Landes geschehen (Bodenseegebiet, Tauberland, nördlicher Oberrhein, Kaiserstuhl, Oberschwaben). Ob es möglich ist, den Braunen Eichen-Zipfelfalter bei Hochwaldnutzung nach Prinzipien der naturnahen Waldwirtschaft ggf. auch ohne weitere Sturm- oder Käferschäden durch ein gezieltes Kleinkahlschlag-Management zu halten, soll in den nächsten Jahren im Schönbuch erprobt werden. Unzureichend erforscht ist der Einfluss von Beweidung und Wildverbiss auf Habitateignung und –persistenz. Zwar kann starker Verbissdruck die offene und halboffene Phase von Lichtungen erheblich verlängern. Gleichzeitig führt starker Verbiss jedoch oft zum Absterben der empfindlichen Jungeichen. Vorstellbar wäre, dass moderater Verbiss junger bis jüngerer Eichenbestände die Eignung einzelner Habitate sehr viel länger aufrecht erhält und in Kombination mit gelegentlichen Kahlhieben eine Art Optimalmanagement für S. ilicis und andere Lichtwaldarten darstellen könnte. Hierzu sind im Schönbuch auf ausgewählten Flächen Experimente mit gesteuertem Rotwildverbiss geplant. Vordringlich wären weitere Pilotprojekte mit Waldweide, die für den Braunen Eichen-Zipfelfalter allerdings räumlich an die Restpopulationen des südlichen Oberrheins, des Schönbuchs oder der Ostalb anknüpfen müssten.

Die Vorkommen des Braunen Eichen-Zipfelfalters im Schönbuch und auf der östlichen Schwäbischen Alb sind akut bedroht. Hier sind dringend Sofortmaßnahmen umzusetzen, um ein zeitnahes Erlöschen zu vermeiden. Im Schönbuch wurden im Frühjahr und Herbst 2015 unter Beteiligung von FVA, Forstamt, ASP Schmetterlinge und Fachgutachter Sofortmaßnahmen abgestimmt. Letztere beinhalten jährliche, ca. hektargroße Kleinkahlschläge innerhalb des Rotwildgeheges, auf denen heimische Eichenarten nach gründlicher Stark- und Schwachholzräumung truppweise in Kleinzäunungen von 5 x 5 m verjüngt werden. Stammschutz durch Plastikröhren ist bei dieser Verjüngungsmethode nicht erforderlich. Zwischen den Zäunen hat das Rotwild ungehinderten Zugang, sodass die Beschattung der Jungeichenkulturen durch andere Baumarten erst mit deutlicher Verzögerung eintreten wird. Dieses Eichen-Verjüngungsverfahren wurde bereits auf Einzelflächen erprobt. In einer dieser Flächen (Abb. 5) konnte über mehrere Jahre eine hohe Ei-Dichte von S. ilicis innerhalb der Kleinzäune festgestellt werden (Daten Hermann, unveröff.). Um die zeitliche Kontinuität sicherzustellen, sollen jährlich etwa 2 ha labile Fichtenbestände kahlgeschlagen und in obiger Weise mit Eiche verjüngt werden. Entsprechende Sofortmaßnahmen müssen in den nächsten Jahren auch in Habitaten der Ostalb umgesetzt werden, zumal dort teils in denselben Flächen weitere hochgradig bedrohte Lichtwaldarten vorkommen (Wald-Wiesenvögelchen, Coenonympha hero; Platterbsen-Widderchen, Zygaena osterodensis). Im dritten Verbreitungsgebiet des Braunen Eichen-Zipfelfalters – der Trockenaue am südlichen Oberrhein – wurden zwischen 2004 und 2006 mehrere Lichtungen angelegt, die von der Art spontan besiedelt wurden. Vorkommen bestehen dort auch aktuell. Weitere Maßnahmen zur Stützung der Populationen sind im Rahmen des ASP Schmetterlinge vorgesehen (Karbiener, mdl.).

Mittelfristig bedarf die nachhaltige Bestandssicherung und Wiederausdehnung der Vorkommen des Braunen Eichen-Zipfelfalters zusätzlicher konzeptioneller Lösungsansätze. Im Schönbuch ist zu prüfen, ob und inwieweit das Rotwild als Habitatgestalter in entsprechende Maßnahmen eingebunden werden kann. Unabhängig davon soll in der Forsteinrichtung ein Kahlschlagkonzept für labile Altfichtenbestände festgeschrieben werden, dass für die nächsten Jahrzehnte ein kontinuierliches Angebot geeigneter Habitate im Aktionsradius der S. ilicis-Population vorhält. Eine wichtige Forschungsaufgabe wird darin gesehen, ökonomisch tragfähige Konzepte der Energieholzgewinnung im Wald zu entwickeln, die gezielt auf die Ansprüche der Lichtwaldarten zugeschnitten und räumlich in geeigneter Weise platziert werden. Bei Reetablierung einer nieder- oder mittelwaldartigen Nutzung wären stabile Vorkommen des Braunen Eichen-Zipfelfalters und eine Wiederausdehnung seiner Bestände zu erwarten, zumal S. ilicis nach bisherigem Kenntnisstand nicht zu den besonders klimasensitiven Falterarten gerechnet werden muss.

Synergien und Zielkonflikte

Vorkommen von Satyrium ilicis regelmäßig von artenreichen Zoozönosen begleitet, die ihrerseits gefährdete Elemente der (Licht-)Waldfauna und –flora aufweisen. In den Trockenwäldern am südlichen Oberrhein ist eine außerordentlich artenreiche Schmetterlingsfauna dokumentiert (Herrmann et al. 2000) mit zahlreichen Rote-Liste-Arten, die zu großen Teilen ebenfalls einer regelmäßigen Öffnung zugewachsener Waldbestände bedürfen. Beispiel ist die in Baden-Württemberg ebenfalls vom Aussterbe bedrohte Eichen-Nulleneule (Dicycla oo). Unter den Vögeln ist der stark gefährdete Baumpieper als Nutznießer der Nieder- und Mittelwaldhiebe auf trockenen, zu Verhagerung neigenden Kiesböden zu nennen.

Im Schönbuch bildet der Braune Eichen-Zipfelfalter die Pyramidenspitze einer Reihe gefährdeter und rückläufiger Arten der Waldlückensysteme. Stetig finden sich an seinen Fundorten z. B. Silberfleck-Perlmutterfalter (Boloria euphrosyne), Braunfleckiger Perlmutterfalter (Boloria selene), Feuriger Perlmutterfalter (Argynnis adippe), Schlüsselblumen-Würfelfalter (Hamearis lucina), Wegerichbär (Parasemia plantaginis) und Schönbär (Callimorpha dominula). Gerade unter den Nachtfaltern wären bei dezidierter Bearbeitung der Flächen weitere naturschutzrelevante Arten zu erwarten. Hinsichtlich der Vögel sind für die Habitatkomplexe des Braunen Eichen-Zipfelfalters Brutvorkommen der stark gefährdeten Arten Grauspecht (Picus canus) und Feldschwirl (Locustella naevia) hervorzuheben, erwähnenswerte rückläufige Arten sind zudem Fitis (Phylloscopus trochilus), Waldschnepfe (Scolopax rusticola), Weidenmeise (Parus montanus), Wespenbussard (Pernis apivorus) und Neuntöter (Lanius collurio).

Sehr artenreiche Falterzönosen kennzeichnen die von S. ilicis bewohnten Sturmwurflichtungen der Ostalb. Insbesondere die hohe Zahl an hochgradig gefährdeten und landesweit seltenen Arten belegt auch hier die hohe artenschutzfachliche Bedeutung großräumiger Wälder mit (noch) intakten Lückensystemen. Besonders erwähnenswerte Begleiter des Braunen Eichen-Zipfelfalters sind hier die in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte FFH-Art (Anh. IV) Wald-Wiesenvögelchen (Coenonympha hero), das stark gefährdete Platterbsen-Widderchen (Zygaena osterodensis) und der in Baden-Württemberg auf wenige Lichtungen der Ostalb beschränkte Vogelwicken-Bläuling (Polyommatus amandus).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Braune Eichen-Zipfelfalter und seine Lebensraumansprüche repräsentativ stehen für die unter den momentanen Rahmenbedingungen der Waldbewirtschaftung immer stärker bedrohte Artengemeinschaft sogenannter „Lichtwaldarten“ (Hermann & Steiner 2000). Insofern sind Sofortmaßnahmen zur Stützung seiner Restbestände und Konzepte zur Wiederausdehnung der Vorkommen mitnichten eindimensional auf eine bestimmte Art fokussiert. Vielmehr können sie bei sachgerechter Umsetzung in allen verbliebenen Vorkommensgebieten der Art wichtige Bausteine zum Erhalt der jeweiligen Lichtwaldzönose darstellen.

Erkennungsmerkmale

Der Braune Eichen-Zipfelfalter gehört zur Schmetterlingsfamilie der Bläulinge (Lycaenidae). Im Tribus Eumaeini (Zipfelfalter) ist er mit einer Flügelspannweite von knapp 4 cm eine der größeren einheimischen Arten. Die Flügeloberseite ist dunkelbraun, beim Weibchen stets, beim Männchen oft mit großem orangefarbenem, von braunen Adern quer durchsetztem Fleck im äußeren Drittel des Vorderflügels. Unterseits kennzeichnet die Art ein weißer, unterbrochener, gezackter Strich parallel zum Flügelrand über Vorder- und Hinterflügel (Abb. 1). Auf der Hinterflügelunterseite finden sich zwischen Strich und Flügelrand orange Flecken, an den Außenrändern der Hinterflügel je ein dünnes „Schwänzchen“. Das Ei ist hellgrau oder beigebraun (siehe Fotos) mit feiner Oberflächenstruktur und nur schwach eingesenkter Mikropyle. Die asselförmige Raupe ist in den frühen Stadien (L1-L2) rötlichbraun mit heller Rückenzeichnung, später (L4-L5) einfarbig gelblichgrün. Die graue Gürtelpuppe zeigt ein feines Zeichnungsmuster dunkler Flecken (Ebert et al. 1991).

Erfassungsmethoden

Nachweis über Eizählungen im Spätsommer oder Winter (Hermann unveröff.).

Verbreitung
Artengruppe
Schmetterlinge
Typ
Waldzielart
Lebensraum
  • Wuchsgebiete
    • Neckarland
    • Oberrheinisches Tiefland
    • Schwäbische Alb
    • Südwestdeutsches Alpenvorland
  • Waldtypen
    • Eichenmischwälder
    • Trockenwälder
  • Habitatstruktur
    • Lichte Waldstrukturen (inkl. besonnte Waldränder)
Fachkonzept
  • GKWNS-Lichtwaldkonzept
    • WET / BHT Eichen-Mittelwald
Lokaler Fokus
  • Bestand
Schutzstatus
  • Priorität:
    hoch
  • Rote Liste BW:
    Vom Aussterben bedroht (1)
  • Rote Liste DE:
    Stark gefährdet (2)

Autoren

  • Hermann, Gabriel

Bildautoren

  • Dalüge, Nora
  • Gottschalk, Thomas
  • Hermann, Gabriel
  • Zepf, Michael

Quellen

Ebert, G., Hofmann, A., Meineke, J., Steiner, A., & Trusch, R. 2005
Rote Liste der Schmetterlinge (Macrolepidoptera) Baden-Württembergs (3. Fassung).
Ebert, G. & Rennwald, E. 1991
Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 2: Tagfalter II.
Hermann, G. 2007
Tagfalter suchen im Winter. Zipfelfalter, Schillerfalter und Eisvögel.
Hermann, G. & Steiner, R. 2000
Der Braune Eichen-Zipfelfalter in Baden-Württemberg. Ein Beispiel für die extreme Bedrohung von Lichtwaldarten. Naturschutz und Landschaftsplanung 32 (9) : 271-277.
Hermann, G. & Trautner, J. 2019
Flächenanspruch hochgradig bedrohter Falterarten der „Lichtwälder“: Ableitung von Zielwerten und Räumen in Baden-Württemberg. Unveröff. Gutachten im Auftrag der FVA. 1-56.
Herrmann, R., Meineke, J., & Schanowski, A. 2000
Die Großschmetterlinge (Makrolepidoptera) der Markgräfler Rheinaue. Fachdienst Naturschutz, Naturschutz-Spectrum Vom Wildstrom zur Trockenaue. Natur und Geschichte der Flusslandschaft am südlichen Oberrhein. : 461-481.
Koschuh, A. & Fauster, R. 2005
Der Braune Eichen-Zipfelfalter Satyrium ilicis (Esper, 1779) (Lepidoptera: Lycaenidae) in der Steiermark (Österreich). Beiträge zur Entomofaunistik 6 : 65-86.
Köstler, W. 2005
Das Eiablage-Verhalten des Eichen-Zipfelfalters Satyrium ilicis (Esper, 1779) nördlich der Alpen mit Anmerkungen zur Biologie der Präimaginalstadien (Lepidoptera: Lycaenidae). Galathea 21/1 : 47-54.
Scott, J.A. 1974
Mate-locating Behavior of Butterflies. Am. Midl. Nat. 91 : 103-117.
Van Swaay, C., Cuttelod, A., Collins, S., Maes, D., López Munguira, M., Šašić, M., Settele, J., Verovnik, R., Verstrael, T., Warren, M., Wiemers, M., & Wynhoff, I. 2010
European Red List of Butterflies.
Weidemann, H.J. 1995
Tagfalter: beobachten, bestimmen.
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